Gespräch mit Andreas Siegert, "Friedensreiter", Wiedereintreter, Migrationsexperte und vieles mehr

Shownotes

Wie kann es gelingen, Menschen aus ganz anderen und unterschiedlichen Ländern und Kulturen bei uns zu integrieren? Und er hat ganz konkret und sehr eindrücklich erlebt, was "Flucht" bedeutet: Auf einem Seenotretter im Mittelmeer vor der Küste Libyens. Und zuhause, in einem Dorf in Sachsen-Anhalt, als er zusammen mit seiner Frau zwei Familien aus der Ukraine aufnahm.
In den 90er Jahren ist Andreas Siegert aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Jetzt hat er den Weg zurück gefunden und ist wieder Mitglied. Als solches wird er im Herbst eine theologische Laienausbildung beim Kirchlichen Fernunterricht der EKM beginnen und Prädikant werden. Und demnächst wird er als "Friedensreiter" unterwegs sein. Was genau das bedeutet, was ihn zum Wiedereintritt in die Kirche bewogen hat und welche Erfahrungen das waren auf dem Mittelmeer, über all diese Themen sprechen wir mit Andreas Siegert in unserem aktuellen Podcast.

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00:00:02: Gerührt und geschüttelt.

00:00:06: Ein Podcast der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

00:00:14: Herzlich willkommen zu unserer heutigen Podcast-Ausgabe!

00:00:18: Mein Name ist Säufer Graal, unser Gast ist heute Andreas Siegerl.

00:00:23: Er ist Wirtschaftswissenschaftler hat mehrere Jahre als Controller in diakonischen Einrichtungen gearbeitet für die SPD.

00:00:30: Er saß ja vier Jahre im Landtag von Sachsen Anhalt.

00:00:34: Andreas Siegert hatte einen Lehrauftrag an den Hochschulen in Merseburg und Potsdam.

00:00:38: Er hat sich freiberuflich sehr stark mit den Forschungsthemen Migration und Integration beschäftigt.

00:00:45: Für seinen Einsatz im Mittelmeer, bei der Rettung Geflüchteter und für sein Engagement bei der Integration von Flüchtlingen hat er das Bundesverdienstkreuz erhalten.

00:00:55: Vor Jahren ist er aus der evangelischen Kirche ausgetreten und hat sich dann eines Tages für den Wiedereintritt

00:01:01: entschlossen.

00:01:03: Dieses Jahr wird er sogar über den kirchlichen Fernunterricht der EKM eine theologische Ausbildung beginnen.

00:01:09: Und er hat sich angemeldet für die Ausbildung zum Friedensreiter, ein Projekt der Ökumenischen Akademie aus Thüringen.

00:01:16: Das sind sehr viele Themen spannend, über die wir heute in unserem Podcast sprechen.

00:01:21: mit Andreas Siegert in der neuen Podcast-Ausgabe von Gerührt und Geschüttelt.

00:01:26: Wir freuen uns darauf.

00:01:27: herzlich bekommen!

00:01:29: Danke für die Einladung

00:01:31: Herr Siegart.

00:01:31: sie sind getauft nicht konformiert, aber getauft.

00:01:35: Sie haben für die akonische Einrichtung als Controller gearbeitet.

00:01:38: Das habe ich gerade gesagt in der Einleitung.

00:01:41: D.h.,

00:01:41: sie haben auf jeden Fall eine Beziehung zur Kirche gehabt und jetzt auch wieder.

00:01:48: Aber sie sind in den neunziger Jahren ausgetreten aus der evangelischen Kirche.

00:01:53: Wissen Sie noch was der Grund dafür gewesen ist damals?

00:01:57: Wenn ich mich daran erinnere war das... Zum einen, dass mir die Kirche fremd geworden war auch weil ich damals in Baden-Württemberg wohnte und der Pietismus der evangelischen Kirche dort mich nicht besonders angesprochen hat.

00:02:12: Und manchmal waren es auch finanzielle Gründe.

00:02:14: also wenn ich mich daran erinnere wir hatten damals eine Familie zwei Kinder das war alles ein bisschen eng finanziell und kirchensteuer war durchaus ein Aspekt eben auszutreten.

00:02:26: Sie haben gerade das Piatistische angesprochen.

00:02:28: Das heißt, es war Ihnen zu eng was die Kirche wollte?

00:02:31: Was die Kirchen gepredigt hat?

00:02:33: Na ja, das waren mir zu lebensfremd und das war mir zu sehr die Bibel als eine Handlungsanleitung nehmend wo sich doch die Lebensverhältnisse in diesen vergangenen zweitausend Jahren geändert haben und manche Dinge eben auch eine Anpassung bedürfen.

00:02:54: damit konnte ich nicht so schrecklich viel anfangen.

00:02:56: Das heißt, es war eigentlich zu weit weg von der Lebensrealität?

00:02:59: Von meiner

00:02:59: zumindest.

00:03:00: Zumindest von meiner Lebensrealität.

00:03:03: Sie haben sich dann irgendwann aber wieder entschieden einzutreten in die evangelische Kirche.

00:03:09: Ich weiß nicht genau wie viele Jahre sie kein Mitglied gewesen sind.

00:03:12: Wissen wir das noch?

00:03:14: Das kann ich nicht sagen.

00:03:16: Meine Eintrittsbestätigung kam vorgestern vom... Ich glaube, den Februar diesen Jahres.

00:03:24: Ah also ist noch ganz frisch.

00:03:25: Ganz frisch!

00:03:27: Okay.

00:03:27: Und was hat sie bewogen, jetzt wieder einzutreten?

00:03:29: Man muss sagen, Sie leben ja lange nicht mehr in Baden-Württemberg.

00:03:33: Sie sind eigentlich Berliner und leben schon viele Jahre in Sachsen-Anhalt, in Farnstedt, nicht so weit von Querfurt.

00:03:43: Was hat sie gewogen, wieder einzudreten?

00:03:46: Zum einen hat sich meine berufliche Belastung verändert sodass ich auch mehr Zeit habe mich um Dinge zu kümmern die ... die über die das unmittelbare Geld verdienen, hinausgehen.

00:03:59: Und der zweite Aspekt ist dass mein Eindruck ist, dass diese Polarisierung der Gesellschaft dadurch bestärkt wird, dass Menschen Orientierung suchen.

00:04:09: Das würde ich gerne machen dieses Orientierung-Suchen vielleicht sogar Orientierung geben Menschen und mich in dem Bereich weiterbilden weil ich das spannend finde.

00:04:22: Weil mein Eindruck ist wir leben im Umbruchzeiten Und Umbruchzeiten benötigen Orientierung, nicht Orientierung im Sinne von du musst das und das machen.

00:04:31: Sondern im Sinne vom eher so wie Kompass.

00:04:34: Ich brauche eine Richtung in die ich gehe.

00:04:36: Ich brauch eine Richtung an der ich mich ausrechte.

00:04:39: Den konkreten Weg muss ich dann im Alltag

00:04:41: suchen.".

00:04:42: Ist das mehr ein Kompasse den Sie für sich selber auch brauchen?

00:04:45: Oder ist das mehr die Idee, ich möchte dazu beitragen anderen Menschen auch einen... bei der Kompassuche, bei der Suche nach Orientierung zu helfen.

00:04:55: Zum einen ist das auch für mich hilfreich und ich würde mich freuen wenn es auch dazu beitragen kann auch anderen Orientierungen zu geben.

00:05:05: Dieser Wiedereintritt hat das auch was damit zu tun dass sich ihre Beziehung zum Glauben zu Gott irgendwie verändert hat oder war das nie anders?

00:05:16: aber sie haben sich eben wie Sie es vorhin erzählt haben nicht mehr Mitgenommen gefühlt?

00:05:21: Ich denke, mein Glaube hat sich nicht geändert.

00:05:24: Wir waren immer ein christlicher Haushalt auch wenn ich nicht in der Kirche war aber die Institutionkirche hat mich nicht angesprochen.

00:05:31: Ich sehe aber dass die Notwendigkeit der Institution glaubwürdig zu vermitteln, glaubwürdig in eine Gesellschaft hineinzuwirken diese Notwendigkeiten sehe ich stärker als in der Vergangenheit und Wenn ich dazu einen Beitrag leisten kann Dann wäre das doch was Schönes.

00:05:51: Und diesen Beitrag wollen und werden Sie ja leisten?

00:05:54: Vielleicht kommen wir jetzt schon mal direkt da drauf, sie haben sich ja beworben für den sogenannten kirchlichen Fernunterricht der EKM.

00:06:00: KFU heißt das auch Das geht glaube ich jetzt dieses Jahr auch im Herbst

00:06:05: los.

00:06:06: Genau es geht im herbst los und die Bestätigung der Anmeldung habe ich heute erhalten und dass ich angenommen bin.

00:06:15: Sie mussten da ja auch richtig einen Bewerbungsschreiben, so nennen wir es mal mit einem Motivationsschreiben verfassen.

00:06:23: Was war für sie die Motivation sich für diesen kirchlichen Fernunterricht zu bewerben?

00:06:28: Der muss man dazu sagen wirklich nicht unauffällig ist.

00:06:31: Das sind viele, viele Stunden, die man in Präsenz und ich glaube auch online hat.

00:06:37: Man muss arbeiten verfassen, man muss am Ende eine Prüfung machen um dann ins Ehrenamt gehen zu können als Prädikant oder Prädikanthin.

00:06:47: Das heißt, das schüttelt man jetzt nicht so aus dem Ärmel.

00:06:51: Was ist Ihre Motivation, das zu tun?

00:06:54: Also zum einen finde ich es immer wieder spannend mich mit neuen Themen zu beschäftigen.

00:06:59: Ich habe ja Wirtschaftswissenschaften studiert aber in Soziologie promoviert.

00:07:05: Ich hab gemeinsam mit einem Partner ein Patent entwickelt, aus belasteten Biogenmaterialien Energie erzeugen mit einer sehr hohen Effizienz und das Verfahren soll jetzt in den industriellen Maßstab überführt werden.

00:07:22: Das sind jedoch sehr unterschiedliche Themen, und Theologie ist auch spannend.

00:07:28: Also zunächst einmal der Reiz an die Neugier auf neue Themen.

00:07:37: Ausschlaggebend waren aber durchaus die Erfahrungen auf dem Mittelmeer, also die Rettung Geflüchteter.

00:07:44: Das war ein sehr beeindruckendes Erlebnis und auch als Russland die Ukraine überfallen hat hatten wir zwei ukrainische Frauen mit ihren fünf Kindern aufgenommen, die unmittelbar nach dem Überfall hierher geflohen waren Menschen in Not zu erleben zu sehen, wie wichtig es ihnen ist, Frieden zu finden.

00:08:12: Und damit meine ich ja nicht nur den Frieden als Gegensatz von Krieg sondern auch als eine innere Gewissheit und als Orientierung.

00:08:24: Das motiviert mich daran mitzuwirken, wenn ich dazu ein Beitrag leisten könnte wäre das schön.

00:08:31: Und diese Ausbildung beim KFU zum Prädikanten?

00:08:37: Befällt sie da noch mehr zu, ist das ihre Erwartung?

00:08:41: Was mich v.a.

00:08:43: daran reizt, ist eben auch zu sehen wie weit ein theologischer Überbau sich in Lebenswirklichkeiten spiegelt.

00:08:53: also diese Brücke zu schließen denke ich dass es etwas was Leyen vielleicht besser leisten können als Menschen die in ihrer hauptamtlichen Tätigkeit abgesichert sind und und eben ihre eigene Blase haben, in die sie sich bewegen.

00:09:11: Mein Eindruck ist dass das ein Privileg von Laien sein könnte eine differenziertere Lebenswirklichkeit in theologische Diskussionen einzuspeisen.

00:09:24: Jetzt hört man immer wieder, dass Leute sagen zum Beispiel auch bei Social Media Das steht aber so nicht in der Bibel oder stetig wortwörtlich, was ihr da sagt.

00:09:36: Jetzt hört man auf euch immer einzumischen in die aktuellen Fragen und in die Politik.

00:09:43: Wie sehen Sie das?

00:09:43: Ich nehme an, Sie sehen es anders!

00:09:46: Da lieben sie nicht ganz falsch.

00:09:49: Nehmen wir mal an, diese Bibel ist zweitausend Jahre und noch etwas älter.

00:09:54: Dann ist die Lebenswirklichkeit zur Zeit ihrer Entstehung... in vielen Teilen eine andere gewesen, als wir sie heute haben.

00:10:02: Es gab kein Auto, es gab keinen Telefon, es gibt kein Podcast und die Menschen konnten trotzdem leben.

00:10:07: Dinge aus einer so fernen Lebenswirklichkeit in unser Heute zu übertragen, wirkt etwas weltfremd!

00:10:16: Es gab damit auch klare hierarchische Strukturen.

00:10:18: Gesellschaften waren anders strukturiert.

00:10:20: Ich kann aber Orientierung daraus nehmen.

00:10:23: Also natürlich soll ich nicht töten.

00:10:26: Es kann aber Situation geben, indem Ich mich dazu genötigt sehe.

00:10:30: Zum Beispiel, weil ich mich oder meine Familie verteidige... ...oder mein Land oder meine Freiheit!

00:10:35: Und Kirche ist ein Teil dieser Gesellschaft.

00:10:37: Sie hat die Aufgabe auch in diese Gesellschaft hineinzuwirken und aus ihr herauszukommen also auf sie heraus gespeist zu werden.

00:10:45: Sie ist ein ganz normaler Bestandteil wie jeder Fußballverein und jede Feuerwehr im Sinne als Teil der Gesellschaft natürlich mit anderen Aufgaben.

00:10:55: Und diesen Aufgaben gehört eben auch Das, was sie als Glaubensbestandteile, als Wertesystem erkennt.

00:11:03: Das zu verkünden.

00:11:05: und nehmen wir doch einfach das Beispiel der deutschen Christen im Dritten Reich.

00:11:12: Sie waren ja nicht unpolitisch nur dadurch dass sie das System gestützt haben des dritten Reichs Und die bekennende Kirche als eine Kirche die sich die Aufgabe gestellt hat den Glauben zu verkunden.

00:11:28: Und da sind mir die Worte Martiniemülis noch in Erinnerung, die ich mal im Film gesehen habe.

00:11:34: Als Hitler ihm die Hand gab und er ihm sagte wir sind dafür verantwortlich wie der Glauben gelebt wird.

00:11:39: Also ich finde das sehr berührend!

00:11:41: Ich find es auch sehr mutig.

00:11:44: Aber das ist das was ich an authentischem Glaubenswahr

00:11:48: nehme.

00:11:50: Ja zu dieser Frage der Einmischungen der Gesellschaftlichen, der politischen Relevanz auch von Kirche passt auch gut das ganze Thema Migration, was ja ein sehr großes ist seit vielen Jahren.

00:12:03: Spätestens seit dem Jahr zwei Tausend Fünfzehn und dem Satz von Angela Merkel, denen mittlerweile wirklich alle kennen, wir schaffen das.

00:12:12: Es ist auch ein Thema dass die Kirchen sehr berührt, sehr in Anspruch nimmt natürlich auch und es ist auch eines sage ich jetzt einfach mal ihrer großen Themen ihres Lebens.

00:12:22: Sie haben sich viel mit diesem Thema befasst Freiberuflich geforscht zu den Themen Migration und Integration.

00:12:30: Wie kann man Flüchtlinge gut, sinnvoll in den Arbeitsmarkt integrieren?

00:12:35: Was brauchen wir dafür?

00:12:38: Warum bewegt sie dieses Thema so?

00:12:40: Mein Eindruck ist dass Geflüchtete eine sehr verletzliche gesellschaftliche Gruppe sind.

00:12:48: Eine Gruppe die häufig alles verloren hat was ihr bisheriges Leben ausgemacht hat.

00:12:54: Und Sie sind im übrigen Nicht anders in ihrem sozialen Status, in der Aufnahmegesellschaft als es deutsche Geflüchtete nach dem Zweiten Weltkrieg waren die aus Schlesien oder aus Preußen oder sonst woher in Deutschland gekommen sind.

00:13:07: Sie wurden genauso wenig aufgenommen.

00:13:10: Verschärft wird das Ganze auch durch Verteilungskonflikte oder Ängste um Verteillungskonflikte, die ja häufig gar nicht real sind.

00:13:17: Das was wir in den Forschungen festgestellt haben war dass Geflüchtete die zum Beispiel in ländlichen Regionen integriert werden oft die gleichen Infrastrukturdefizite bemängeln, die auch Ortsansässige haben.

00:13:30: Wie ist der schlechte ÖPNV?

00:13:32: Wie ist die Infrastrukturerstattung vor Ort das Bildungsangebot?

00:13:35: Die Möglichkeit einen Sprachkurs zu bekommen?

00:13:39: oder welche Angebote gibt es um sich in eine Gesellschaft einzubringen?

00:13:44: Welche Freizeit- und Kulturangebote?

00:13:46: Das sind so typische Themen!

00:13:50: In meiner beruflichen Biografie habe ich es als sehr bereichernd wahrgenommen in anderen Ländern leben zu dürfen.

00:13:59: Mir ist bewusst, dass ich weder als ich in Indien gelebt habe noch in Russland, noch als ich beruflich in Korea oder Österreich war ohne die Unterstützung ortsansässiger hätte, wäre ich in diesen Gesellschaften nicht angekommen.

00:14:17: Das geht allein schon um das Erhalten eines Telefonanschlusses Um das Wissen wie ein Paket von der Postaprolle oder eine Geldüberweisung wahrnehmen.

00:14:26: Die Hilfsbereitschaft, die mir in anderen Ländern zuteil wurde, würde ich mir hier auch wünschen.

00:14:32: Das gibt es gelegentlich und ich freue mich jedes Mal wenn ich so etwas erlebe aber in dem Umfang, in dem ich sie im Ausland erlebt habe, nehme ich sich hier nicht wahr.

00:14:43: Heute sind vielleicht Geflüchtete, die stigmatisiert werden und ausgegrenzt werden.

00:14:49: Und morgen sind das vielleicht Arbeitslosengeldempfänger oder Menschen, die überhaupt keine Arbeit haben auf der Straße leben.

00:14:59: Wir sollten uns da verhüten in eine Gesellschaft, zumindest meine Überzeugung, in einer Gesellschaft nach Personengruppen zu suchen, auf die wir herabgucken können und die wir ausgrenzen können.

00:15:12: Natürlich haben wir unterschiedliche Rollen natürlich haben wir Unterschiedliche Wertvorstellungen und Ziele, die wir im Leben anstreben aber sie alle können in einer vielschichtigen Gesellschaft ihren Platz finden.

00:15:22: Würden Sie sagen, ist das ein Thema für jeden Einzelnen oder ist da vor allen Dingen in Anführungszeichen die Politik?

00:15:29: Die sind vor allem die Politiker, die gefragt, die Voraussetzungen ja auch für Integrationsmaßnahmen, Eingliederungsmaßnahme schaffen müssen.

00:15:43: Zunächst mal denke ich wir alle sind Teil dieser Gesellschaft und wir können nicht alles auf andere Personen delegieren.

00:15:50: Die Politiker, wir sind denn die Politiker.

00:15:52: Es sind Menschen, die gewählt wurden, die aber auch nur im begrenzten Entscheidungsrahmen haben wie etwa eine Willkommensgesellschaft gelebt wird, wie eine solidarische Gesellschaft gelebt werden.

00:16:07: Das entscheiden doch wir in unserem Alltag dass es doch nichts was sich delegieren kann.

00:16:13: ich habe mir auch mal die Diskussion der verfassungsgebenden Versammlung zum Thema Asylrecht durchgelesen und mich damit befasst.

00:16:23: Es hat mich sehr beeindruckt, wie Menschen die geprägt waren von Krieg, Entbehrung, Angst, Hunger, Vertreibung mit welcher Großherzigkeit sie dieses Asylrecht formuliert haben.

00:16:37: Und es bedrückt mich zu sehen mit welchen Eng-Herzigkeit und welche Engstirnlichkeit die gesellschaftliche Debatte darüber geführt wird.

00:16:49: die meisten Geflüchteten dieser Welt aufgenommen werden.

00:16:52: Wenn wir sehen, wie viele Geflüchtete je tausend Einwohner aufgenommen wären in einem der reichsten Länder dieser Welt dann haben wir uns noch nicht mit Jordanien beschäftigt, mit der Türkei oder mit dem Libanon, in der ungleich mehr Menschen bei deutlich schlechteren wirtschaftlichen Voraussetzungen aufgenommen wurden.

00:17:10: Bleiben wir nochmal beim Thema Migration.

00:17:12: Sie haben ja lange daran geforscht aber auch einen sehr besonderen und persönlichen Blick auf das Thema Flucht bekommen, weil sie die Möglichkeit hatten, auf einem Seenotrettungsschiff der Aquarius mitzufahren bei Rettungseinsätzen im Mittelmeer dabei zu sein.

00:17:34: Wenn Sie daran zurückdenken – das ist jetzt zehn Jahre her – was hat sich Ihnen eingebrannt von dieser Situation und diesen besonderen Blick auf diese Schicksale?

00:17:45: Die natürlich ein Großteil der Menschen in Deutschland gar nicht hat, außer dass sie es von den aus den Nachrichten erfährt.

00:17:52: Es gibt mehrere Dinge die sich mir sehr präsent geblieben sind.

00:17:56: das eine ist wie verzweifelt diese Menschen waren bis wir sie aufnehmen konnten.

00:18:02: also wir haben am Horizont die Silhouette von Tripolis gesehen

00:18:06: Also Lübien.

00:18:08: Genau Das will zunächst mal sagen.

00:18:10: Wir waren in internationalen Gewässern und es war eigentlich gar nicht so weit.

00:18:14: man hat immer noch die Umrisse der Stadt gesehen Und trotzdem waren diese Menschen schon stundenlang auf dem Wasser und das bei sängender Hitze, ohne dass sie ausreichend zu trinken gehabt hätten.

00:18:30: Diese Boote waren völlig überfüllt und es waren existenzbedrohende Situationen.

00:18:34: Ich möchte Ihnen das einem Beispiel deutlich machen.

00:18:37: Die Männer haben sich häufig auf den Rand gesetzt weil Sie die Vorstellung hatten, dass sie die Frauen und Kinder, die in der Mitte des Bootes saßen, beschützen müssten.

00:18:47: Das Ergebnis war aber, dass natürlich aufgrund des Wellengangs immer wieder Salzwasser in die Boote hineinschwappte.

00:18:54: Sodass in der Mitte des Bootes ein sehr hoher Wasserstand war, der dazu führte das gelegentlich Frauen und Kinder ertranken im Boot.

00:19:03: Dazu kam, dass das Nachfüllen des Treibstoffes in den motorgetriebenen Booten dazuführte etwas daneben... viel von dem Treibstoff, der sich mit dem Salzwasser zu einer ätzenden Flüssigkeit vermengte.

00:19:21: Sodass die, die im Inneren des Bootes waren eigentlich am gefährdetsten waren.

00:19:27: Es gab sehr schlimme Veräzungen, sehr schlimmer Verbrennungen, die sich daraus gaben und eben auch Tote durchertrinken in den Boot.

00:19:36: Diese Menschen dann an Bord zu holen, sie zu versorgen Das war ein sehr eindrucksliches Sehen mit offenen Brüchen, mit Schusswunden und Stichwunden.

00:19:47: Mit wirklich üblen Verletzungen.

00:19:50: Ich habe sehr eindrücklich auch in Erinnerung wie gut diese Retter zusammenarbeiten konnten.

00:19:57: Hier in unserer Nachbarschaft Wir leben auf dem Dorf waren es viele Menschen die hinterher auf mich zugekommen sind und mir gesagt haben Wie richtig sie das fanden?

00:20:07: Und wie beeindruckt Sie davon sind?

00:20:09: Das ist eine Umgebung der wir im Allgemeinen zuschreiben würden, dass sie eher ausländerfeindlich ist.

00:20:15: Aber offenbar war diese existenzielle Not über die dann auch berichtet wurde.

00:20:22: Hat diese Menschen berührt?

00:20:24: Das heißt haben Sie diese Berichte mitgebracht und haben das in Vorträgen erzählt oder wie haben die Menschen davon erfahren?

00:20:32: Zum einen gab es in der Regionalpresse eine Berichterstattung darüber, auch im Rundfunk und ich habe auch Vorträge gehalten weil mir darin lag Menschen zu berichten, was ich erlebt habe.

00:20:46: Es ist eben einen Unterschied ob ich abstrakt etwas objektiviere im Sinne von der Geflüchtete wird irgendwie anonymisiert und er wird zum Gegenstand über den ich spreche oder es gibt ein tatsächliches Schicksal von dem ich berichten kann und in dem Moment wo aus einem Objekt, ein Subjekt wird.

00:21:07: Ein Mensch mit Geschichte, mit Erlebnissen und Ängsten und Hoffnungen liefert der Anknüpfungspunkte an meine

00:21:15: Biografie.".

00:21:16: Das war das was die Mütter- und Väter der Verfassung als sie dieses Asylrecht verankert haben.

00:21:23: Das kann man in den verfassungsgebenden Protokollen nachlesen.

00:21:26: Das was diese Menschen berührt hat und wo sie gesagt haben so etwas soll nie wieder geschehen und wir wollen Menschen eine Heimat geben.

00:21:35: dass wir das nicht für alle können.

00:21:37: Das ist selbstverständlich, aber wir machen es eben auch nicht für alles und Wir schotten uns zunehmend ab.

00:21:45: Es macht aber auch etwas mit uns wenn wir die Grenzen dichtmachen Wenn wir Menschen Nicht zu uns lassen wenn wir uns von diesem Elend fernhalten und zu tun als wenn es nichts mit unserem Leben zu tun hat.

00:21:59: Es ist ja gut dokumentiert dass der ganarische Tomatenanbauer nicht mehr davon leben kann, weil der Import italienischer Dosentomaten so viel preisgünstiger ist als er seine eigenen Tomaten auf dem Markt verkaufen könnte.

00:22:16: Dass er aus wirtschaftlicher Not zur Flucht gezwungen wird.

00:22:20: und was macht er?

00:22:21: Er landet auf einem Rettungsschiff kommt nach Italien und wird als Sklavenarbeiter auf italienischen Tomatenfeldern angebaut also eingesetzt.

00:22:31: Die Grundlage dafür dann sind, dass EU-subventionierte Tomaten nach Ghana exportiert werden.

00:22:38: An diesem Beispiel – es gibt viele solche Beispiele – aber an diesem Beispiel wird deutlich, dass wir das Elend ja auch mit produzieren.

00:22:47: über diesen Folgen wir uns dann beklagen.

00:22:50: Wir sind jetzt nicht dazu da um die Welt zu retten Aber für mich ist das der Anspruch zu versuchen, da wo ich es kann.

00:23:02: Wo ich denke dass in meinen durch meine Ressourcen möglich ist Mitmenschlichkeit und Verfassungstreue Und Christentum auch zu leben.

00:23:15: Dann kommen wir immer auf dieses gesellschaftliche Klima das bei uns herrscht.

00:23:22: Und jetzt gibt es ein ganz spannendes Projekt, das die ekumenische Akademie Ost Thüringen ins Leben gerufen hat.

00:23:30: Das heißt Friedensreiter.

00:23:32: Das ist eine Idee, die auf den dreißigjährigen Krieg zurückgeht, wo also es Frieden Reiter gab, die zwischen den verfeindeten Lagern hin und her geritten sind und Nachrichten gebracht haben – damit auch zu einer, heute würde man sagen, Kommunikation beigetragen haben!

00:23:51: Dieses Friedensreiter-Projekt ist eine Ausbildung von Menschen in den Fragen, wie bringen wir die Leute wieder ins Gespräch?

00:24:00: Wie bringen wir diese Menschen zueinander, damit sie miteinander reden und zuhören.

00:24:09: Sie haben sich beworben für dieses Projekt.

00:24:12: Die Ausbildung startet demnächst bis Ende Mai.

00:24:17: Bewerben bei der ökumenischen Akademie.

00:24:21: Was fasziniert Sie an diesem Projekt?

00:24:23: Friedensreiter?

00:24:24: Warum wollen sie Friedenstreiter werden?

00:24:27: Ich finde, dass das eine spannende Herausforderung ist Menschen die auch nicht meine Ansichten teilen miteinander ins Gespräch zu bringen und mit ihnen ins Gespräche zu kommen Von ihren Erwartungen und Ängsten und Hoffnungen und Sehnsüchten zu erfahren Und ich bin der Überzeugung dass es in diese Zeit passt.

00:24:49: Das, was ich mir davon erhoffe ist das Menschen erleben, dass unterschiedliche Perspektiven zu dem gleichen Leben gehören indem sie leben und dass diese Unterschiedlichkeit von Perspektive vielleicht nicht geteilt werden muss aber zumindest akzeptiert wird Dass wir darüber den Respekt voreinander nicht verlieren Und Zugang finden.

00:25:15: Ich bin mir sicher, dass ich auch mit Menschen, die meine Position nicht teilen, Schnittmengen haben werde.

00:25:21: Vielleicht haben wir die gleichen Träume von unserem Leben?

00:25:24: Vielleicht haben weh die gleichen Ängste?

00:25:26: Aber darüber ins Gespräch zu kommen könnte ein Anknüpfungspunkt dazu sein.

00:25:31: und wie können wir das leben, das wir nunal haben so gestalten, dass uns dann nicht die Augen auskratzen sondern überlegen, wie eine Lösung aussehen könnte?

00:25:43: Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass das jetzt nicht so ein theoretisch ausgedachtes Projekt ist?

00:25:48: So irgendwie am Schreibtisch aus gedacht.

00:25:51: Sondern dass das wirklich was bringt und dass man die Menschen erreicht, wo es auch notwendig wäre, die vielleicht schon sich in ihre Blase zurückgezogen haben, dass sie irgendwann auch bereit sind einer in Teilen rechtsextremen Partei ihrer Stimme zu geben?

00:26:13: Ich denke, wir alle neigen dazu in unserem unmittelbaren sozialen Umfeld.

00:26:18: Also Familienfreunde Bekannte doch schon stark zu selektieren und Leute auszusuchen mit denen uns sehr viel verbindet Erfahrungen Erlebnisse Werte.

00:26:30: was auch immer.

00:26:31: Die Herausforderung wird sein Aus dieser Blase auszubrechen um an andere Leute heranzukommen also Zu überlegen Wo kenne ich Menschen?

00:26:41: Aus einem Umfeld mit dem ich sonst nichts zu tun habe.

00:26:45: Wie kann ich auf diese Menschen zugehen?

00:26:47: Wo kann ich sie erreichen, wie kann ich Sie erreichen und wie kann Ich sie ins Gespräch bringen?

00:26:53: also ich erinnere mich an einen Vortrag in der Lutherstadt Wittenberg wo ein Stadtrat der selbst mit einer Asiatin verheiratet war immer wieder durch radikalisierende Äußerung über Geflüchtete aufgefallen war in öffentlichen Diskussionen.

00:27:12: Aber der Hinweis darauf, dass es ganz viele Deutsche gab die nach dem Zweiten Weltkrieg die gleiche Ablehnung erfahren haben als sie nach Deutschland gekommen sind.

00:27:21: Dazu führte das andere AfD-Mitglieder die im Publikum saßen und sagten ja so ging es meinen Eltern auch Und plötzlich viel diese Hassreden die vielen ins Leere weil Menschen sich an die traumatischen Erlebnisse der Ablehnung ihrer eigenen Eltern erinnern konnten und das, was für sie bedeutete.

00:27:43: Das, was ich als Sorge habe ist im Hintergrund selbst wenn diese Wahl nicht so ausgeht wie sie im Moment prognostiziert wird und nach meiner festen Überzeugung sehr schädlich für die Entwicklung dieses Bundeslandes wäre.

00:27:58: Selbst wenn sie nicht so ausgeht bezweifle ich dass viele derjenigen Steuern im Land, daraus die Schlussfolgerung ziehen zu sagen.

00:28:10: Und wo gibt es tatsächlich Punkte an denen wir Fehler gemacht haben?

00:28:15: An denen wir etwas ändern müssten?

00:28:17: An den wir uns an die eigene Brust fassen müssen und sagen müssen hier ist die Kritik berechtigt denn es gibt ja berechtigte Kritik.

00:28:27: Jetzt schlagen wir nochmal einen großen Bogen.

00:28:30: kommen auch langsam zum Ende des Podcasts.

00:28:33: Sie stehen ja sozusagen ein paar Monate vor Beginn ihrer theologischen Ausbildung zum Prädikanten in dem kirchlichen oder perkirchlichem Fernunterricht, können sie sich denn vorstellen dann?

00:28:46: Auch wenn sie fertig sind und ordiniert sind als Prädikat hier auch in der Kirche zum Einsatz zu kommen und zu helfen?

00:28:57: gerade was die personelle Not?

00:29:01: Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen.

00:29:02: In welcher Form das dann erfolgt?

00:29:04: Das muss man sehen.

00:29:05: dazu muss ich gestehen bin nicht zu wenig vertraut mit kirchlichen Strukturen hier vor Ort aber mit unserer Pfarrerin besteht ein gutes Vertrauensverhältnis und ich freue mich auf die Zusammenarbeit.

00:29:18: da bin ich mir sicher dass wir Wege finden.

00:29:20: das können wir gut

00:29:21: vorstellen.

00:29:22: Aber jetzt geht es erst mal sozusagen in die Ausbildung und das wird bestimmt spannend.

00:29:27: großer Respekt, auf jeden Fall dafür.

00:29:31: Das ist eine tolle Sache!

00:29:32: Unser Podcast heißt ja gerührt und geschüttelt.

00:29:36: Deshalb fragen wir am Ende jedes Gesprächs den Gast was ihn in der vergangenen Zeit gerührt hat und was ihm geschückelt hat.

00:29:45: Und schön ist eigentlich immer wenn man vielleicht mit dem geschüppelt also dem nicht so schönen anfängt damit man etwas Schöne aufführen

00:29:53: kann.

00:29:54: Also was hat sie geschüddelt?

00:29:57: Na ja, was mich im Moment sehr durchgeschüttelt hat war ein Bandscheibenvorfall.

00:30:03: Da meint der Arzt das Läge einfach am Alter und dem Verschleiß.

00:30:08: Gut, das klang jetzt nicht so toll und erbaulich aber es ist natürlich einen Derlauf der Dinge.

00:30:14: Dafür sind sie ja noch gar nicht so alt?

00:30:17: Jedenfalls offenbar hat's ausgereicht um den Bandsscheibenvorfeld auszulösen.

00:30:20: Das hat mich einige Monate Kraft und Nerven gekostet.

00:30:25: Ich musste hochdosierte Opiate auch nehmen.

00:30:29: Also ich weiß mittlerweile auch, was in Zug bedeutet und sich dann wieder da ... dass für mich wieder einen strukturierten Tagesablauf erarbeiten kann.

00:30:38: Das war etwas, das mich wirklich tief erschüttert hat, weil so die ganzen Routinen, die sonst den Tag geprägt haben, infrage gestellt wurden.

00:30:48: Ja, und berührt hat mich oder gerührt hat mir, Das Glück hatte, zum Tod meines Vaters die Trauerrede zu verfassen und auch zu halten.

00:31:02: Und zwar so, dass ich da richtig stolz auf mich war.

00:31:06: Ja also diese Trauer-Rede hat mich deshalb eben auch gerührt weil mein Vater zur Konformation unseres jüngsten Sohnes ein Buch... Opa erzählen mal, teilweise ausgefüllt hat und darüber mehr Anknüpfungspunkte geliefert hat.

00:31:31: Die sein Leben geprägt haben.

00:31:33: dieses Leben Revue passieren zu lassen mit all den Höhen und Tiefen die dabei waren dann aufzuarbeiten in einer Rede trotzdem hoffnungsfroh stimmt weil er ein schönes Leben gehabt ist alt geworden das hat mich erfüllt Einfach ein schönes Gefühl.

00:31:54: Von Abschied?

00:31:56: Ja, das war schön!

00:31:58: Dann danke ich Ihnen für diesen sehr persönlichen Einblick ganz besonders.

00:32:03: jetzt nochmal zum Schluss dieses Podcasts.

00:32:07: Ganz herzlichen Dank für die vielen Themen, die wir besprochen haben Andreas Siegert.

00:32:13: Vielen Dank für das Gespräch.

00:32:14: Ja, ich danke Ihnen.

00:32:16: Das war mir eine Freude.

00:32:21: Ein Podcast der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

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